Liebe Leserinnen, liebe Leser,
ist euch das auch schon mal so gegangen? Man meint, irgendwas richtig gut zu kennen – und stellt dann fest, dass man doch keine Ahnung hat. Ich hätte bis vor Kurzem die Folkszene – im Gegensatz zu einigen anderen Musikarten – als überwiegend solidarisch und fortschrittlich beschrieben. Wie man(n) sich doch täuschen kann! Ich verweise zur Erklärung auf den Artikel meiner Kollegin Petra Rieß „Welcome to the Boys Club – Aspekte von Machtmissbrauch in der Musikszene“ auf Seite 42. Sie erwähnt dort unter anderem eine schottische Universitätsstudie, die mich regelrecht schockiert hat, denn ich dachte eigentlich, mit der dortigen Szene seit Jahrzehnten ziemlich gut vertraut zu sein. Und dann das! „81 % der Folkmusikerinnen in Schottland, die an einer neuen Umfrage teilgenommen haben, waren sexueller Gewalt ausgesetzt oder wurden sexuell belästigt.“ Das heißt natürlich nicht, dass vier von fünf schottischen Musikern sexuelle Hooligans sind, und klar ist auch, dass Folkmusiker keine Heiligen sind, aber die Anzahl der Vorfälle ist überraschend hoch. Zitat einer Musikerin: „Meine Erfahrungen mit der Folkmusikszene waren so toxisch, dass ich jetzt nicht mehr in diesem Bereich arbeite …“ Das ist schlichtweg erschütternd, und wir reden hier „nur“ von sexueller Belästigung in Bezug auf Frauen. Es braucht nicht viel Fantasie sich vorzustellen, dass der männliche Machtmissbrauch – denn genau das ist es ja – auch noch ganz andere Formen annehmen kann. Und niemand sollte nun denken, dass die Schotten besonders schlimme Übeltäter wären. Ich befürchte schlicht, dass die Untersuchungen des Scottish Centre for Crime and Justice Research der Universität Glasgow mehr oder weniger eins zu eins auf die Musikszenen anderer Länder übertragen werden können.
Auch auf Deutschland? Dann möchte ich nicht darüber nachdenken, was sich hier in den letzten rund fünfzig Jahren ereignet hat. Und darum geht es auch nicht bei unserer Serie „Fünf Jahrzehnte Deutsches Folkrevival“, die in vier Folgen die Anfänge dessen beleuchten soll, was damals so schwung- und hoffnungsvoll begann. Viele von euch waren dabei, aber es gibt sicherlich auch diejenigen, für die die berühmte und dubiose „Gnade der späten Geburt“ gilt. Bei Ersteren wird wohl die Reaktion ein „Ja, so war’s“ sein, bei Zweiteren eher ein interessiertes „Ach, tatsächlich?“.
Duplizität der Ereignisse im Hause folker: Am 12. Januar verstarb ziemlich plötzlich und unerwartet unser langjähriger Mitarbeiter Michael Freerix, was uns in der Redaktion sehr getroffen hat – kurz zuvor hatten wir noch über zukünftige Themen kommuniziert. Selbstverständlich wird es in der kommenden Ausgabe einen Nachruf geben. Sein letzter Job für uns war ebenfalls ein Nachruf, und zwar auf Gertrude Degenhardt in diesem Heft. R. I. P. Bei der leider real existierenden Negativität und notwendigen Trauer ist es dann doch gut, dass wir uns zumindest an einem sonnigen Schwerpunkt erfreuen können. Beim Thema Italien steigen gewiss gleich Temperatur, Stimmung und Vorfreude auf das, was Frühjahr und Sommer uns bringen werden.
Ich aber sage: Arrivederci!
Euer Herausgeber
Mike Kamp
PS: Eine ehemalige Abonnentin schrieb unserer Verlegerin: „Ich lese nun schon sooo lange mit viel Freude und Genuss den folker. Darauf verzichten zu wollen, war eine Schnapsidee. Ich möchte ein neues Abo.“ Jetzt ist sie nicht mehr ehemalig und das finde ich richtig gut!



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